24. Mai 2018
Im Gründungsjahr 1621 hieß die "Post" in Wallgau noch "Zum Alten Wirt". Foto: Knut Kuckel/tirol.bayern
Im Gründungsjahr 1621 hieß die "Post" in Wallgau noch "Zum Alten Wirt". Foto: Knut Kuckel/tirol.bayern

Wallgau im Oberen Isartal – Hier ist „Heimat mehr als ein Gefühl“

Wer in diesen Tagen nach Wallgau kommt, lernt schon am Ortseingang, dass hier „Natur von Herzen kommt“ und „Heimat ein Gefühl“ ist. Die oberbayerische Gemeinde im Landkreis Garmisch-Partenkirchen prägen seit Jahrhunderten Land- und Holzwirtschaft.

Neben Mittenwald und Krün ist Wallgau die nördlichste der drei Gemeinden im Oberen Isartal.

Von allen Himmelsrichtungen sichtbar ist die Pfarrkirche Sankt Jakob. Ihr Bau geht auf das Jahr 1295 zurück. Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts entstand hier eine neue Saalkirche mit steingewölbtem Choranbau im gotischen Baustil. Die unterschiedlichen Baustile markieren die Geschmäcker unterschiedlicher Bau-Epochen. Der barocke Kirchturm mit Zwiebelhaube wurde 1680 errichtet.

Das die malerische Landschaft im Werdenfelser Land auch als „Goldenes Land“ bezeichnet wird, wird einem bei einem Rundgang durch Wallgau schnell bewusst. Werdenfelser Land nennt man die Region von Mittenwald bis Farchant. Namensgeber war die die mittelalterliche Burg Werdenfels, nördlich von Garmisch-Partenkirchen.

Mit handelsüblichen Sätzen wie „Bunt blühende Wiesen, traumhafte Bergkulissen, Natur pur“ wirbt die Tourist-Info „Alpenwelt Karwendel“ für ihre Region. Auf den ersten Blick klingt das nach flacher Schubladen-Formulierung, beim näheren Hinschauen, steckt sehr viel Wahrheit hinter der blumigen Satzgestaltung.

Wie im benachbarten Tirol sorgen nämlich vor allem die Bergbauern für den Erhalt des typischen Landschaftsbildes. Dazu zählen besonders in Oberbayern die Buckelwiesen. Sie stehen unter Naturschutz und gehören noch zu den artenreichen Gründlandflächen. Für die Bergbauern gilt in diesem Zusammenhang, die Biene ist nach Rind und Schwein das drittwichtigste Nutztier.

Das Kultivieren der Buckelwiesen ist noch Handarbeit. Bis zum Erstschnitt wird es noch eine Weile dauern, aber spätestens ab Mitte Mai kann man dabei den Werdenfelser Bergbauern zuschauen. Wie man mit der Sense umgeht, ist bei jedem von ihnen gentechnisch überliefertes Erbgut.

Bekannte und weniger bekannte Lüftlmaler aus dem Werdenfelser Land haben die Visitenkarte der 1500-Seelen-Gemeinde auf die Häuser gemalt. Für Wohlstand und Existenz waren von großer Bedeutung die Holz- und Landwirtschaft.

Der Mittenwalder Lüftlmaler Franz Karner brachte 1763 beim Gasthof „Alte Post“ seine berühmten Fresken an. Beeindruckend die Dreifaltigkeit im Eingangsbereich. Karner war von Beruf ursprünglich Kohlenbrenner. Seinen Zweitberuf des Fassadenmalers vermittelte ihm der Vater. Franz Karner machte ihn zu seinem Hauptberuf.

Bei sommerlichen Temperaturen von bis zu 28 Grad treffen sich an diesem Wochenende im Schatten von Sankt Jakob Einheimische und Gäste im Wirtsgarten im Hotel zur Post. Mit etwas Glück werden sie von Oberkellner Jakob Schaffer persönlich bedient. Das Landgasthaus „Zur Post“ der Familie Neuner am Dorfplatz bietet aktuell regionale Spargel-Kreationen an. 

Postreiter brachten noch Mitte des 17. Jahrhunderts Briefe nach Wallgau. 1760 wurden sie von der fahrenden Postlinie der Thurn und Taxis abgelöst.

Der berühmteste Gast jener Zeit war der Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der am 7. September 1786 auf seiner Reise nach Italien mit der Postkutsche.  nach Wallgau kam. 30 Jahre später machte Heinrich Heine im Gasthof „Zur Alten Post“ Rast.

Von Tourismus sprach damals in dem beschaulichen Ort noch niemand. Der Begriff geht auf das Jahr 1980 zurück. Vorher sprach man noch von „Fremdenverkehr“. Der erste Sommerfrischler brachte Anfang des 20. Jahrhunderts den Tourismus nach Wallgau.

Das Rathaus der Gemeinde Wallgau teilt sich mit der Tourist-Information in der Mittenwalder Straße 8 ein Haus. Man ist sich der wirtschaftlichen Wurzeln der Gemeinde im Isartal bewusst und bringt das mit einer beeindruckenden Wandmalerei zum Ausdruck. Neben Isarflössern, Bergbauern und Landmenschen spielt dabei heute vor allem das Reisen eine Rolle. Der Wandmaler hat das Thema „Reisen“ an der Frontansicht des schmucken Gebäudes mit einer Postkutsche dargestellt.

Bis 1920 konnte man auf dem Isarfloß noch bis München reisen. Wallgau liegt an und auf einem kleinen Höhenrücken, der die Isar daran hindert, direkt in den Walchensee zu fließen. Der Mensch hat nachgeholfen und einen Stollen durch den Berg gesprengt, um die Wasser der Isar im Walchenseekraftwerk mitarbeiten zu lassen.

Neben Mittenwald und Krün ist Wallgau die nördlichste der drei Gemeinden im Oberen Isartal. 

Die Zielgruppen touristischer Marketingbemühungen sieht man überall. Auf Rad- und Wanderwegen im Isartal, in den Almhütten oder auf den Loipen, die im Winter für Skilangläufer gespurt werden.

Wer es im Sport zu Ruhm und Ansehen gebracht hat, dem werden Wege oder Loipen gewidmet. Berühmt in diesem Zusammenhang ist in der Heute-Zeit die Magdalena Neuner Loipe. Die 1987 in Garmisch-Partenkirchen geborene ehemalige Biathletin Magdalena Neuner lebt seit ihrer Kindheit in Wallgau.

Nach Wallgau ziehts vor allem Sport- und Freizeitaktive Menschen. Nicht nur wegen Magdalena Neuner, aber sicherlich auch ein wenig wegen ihr. Wer mehr auf Unterhaltung setzt, kommt hier aber auch nicht zu kurz. Wallgau setzt in diesem Zusammenhang auf eine „echt bayerische Kultur“. Dabei sind Trachtenvereine und die heimische Theatergruppe. Gelegentlich kommen auch Gäste aus der Landeshauptstadt.

Ein Plakat am Tourismusbüro zeigt uns an, dass wir ein großes Erlebnis verpasst haben. Gestern Abend gastierte im Haus des Gastes Georg Maiers Iberl Bühne mit dem Stück „Wuidschütz’n“. Eine ganz varreckte Wuidererg´schicht Gedichtet und in Szene gesetzt von Georg Maier. Die bayerische Regionalzeitung Münchner Merkur schreibt mehrfach zu Maiers Wirtshaustheater „Die Iberl-Bühne aus München ist ein Garant für gute Laune und anspruchsvoll-witziges Volkstheater.“

Bevor wir heute Wallgau wieder verlassen, lockt uns ein Spaziergang am Isarufer. Im Frühling darf man da schon mal die Wanderschuhe ausziehen und die Füße ist ins Wasser halten. Aber Vorsicht! – Das Isarwasser ist eiskalt, macht trotzdem Vergnügen.

Von hier aus sind wir in weniger als zwei-einhalb Stunden zu Fuß in Mittenwald, in ein-einhalb Stunden am Geroldsee und in nur 45 Minuten am Barmsee. Die nur zwei Kilometer zur Nachbargemeinde Krün sind in 30 Minuten locker zu schaffen.

Wer möchte, kann auch auf dem berühmten Jakobsweg von Oberbayern nach Tirol wandern. Der grenzübergreifende Jakobsweg „Isar – Loisach – Leutascher Ache – Inn“ bietet auf 125 Kilometern neue Ansichten und tiefe spirituellen Einsichten. Pilgerführer Herbert Konrad lädt zur „reflektierten Einkehr“: „Viele suchen eine Auszeit von Job und Familie, wollen einfach über das Leben nachdenken oder in der Natur wieder mehr von sich selbst spüren.“

Vom Parkplatz am Isarsteg gehts über eine Brücke zu berühmten Wanderzielen wie dem Soiernhaus, der Fischbachalm oder zur Schöttelkarspitze. Diese Highlights im malerischen Karwendel schaffen wir heute nicht mehr. Damit wir sie aber nicht vergessen, machen wir uns eine Notiz im Bayerntagebuch.

Aus der Ortsgeschichte von Wallgau:

Wallgau blickt auf über 1250 Jahre Geschichte zurück. Bereits im Jahr 763 als „Walhogoi“ in der Gründungsurkunde des Klosters Scharnitz erwähnt, war das Leben früher von harter Arbeit und Entbehrungen geprägt. Die Wallgauer verdienten sich ihr Brot durch die Bestellung der kargen Äcker, in der Holzkohle, in der Kalkbrennerei oder bei der gefährlichen Flößerei, die bereits im 12. Jahrhundert eingeführt wurde.

Die jetzige Kirche St. Jakob steht auf den Grundmauern der ersten Kirche, die auf das Jahr 1295 zurückgeht. Sie ist in den vielen Jahrhunderten mit Erneuerungen, Umgestaltungen und Restaurierungen das älteste Gebäude in Wallgau. Auf dem Friedhof, der das Gebäude zur Hälfte umschließt, befindet sich eine 1896 errichtete Lourdesgrotte und eine vom Veteranen- und Kriegerverein gestiftete Ehrenglocke.

Erst im Jahr  1922 fuhr das letzte Floß von Wallgau aus die Isar hinab, bevor dem Fluss ab 1924 das Wasser zum Betrieb des Walchenseekraftwerkes entzogen wurde. In Krün wird der größte Teil des Wassers der Isar abgezweigt und über die Isarüberleitung dem Walchensee zugeführt. Dieser dient als Oberwasserbecken des Walchenseekraftwerks. Auf dem Weg zum Walchensee passiert das Wasser auch das Kraftwerk Obernach. Nach dem Bau des Wehrs im Jahr 1924 litt die Isar unterhalb der Anlage häufig unter Wassermangel. Seit 1990 muss der Betreiber eine Mindestmenge an Wasser in den ursprünglichen Flussverlauf fließen lassen. (Quelle: → Gemeinde Wallgau)

Weblinks:

Fotos: Knut Kuckel

Knut Kuckel

Journalist / Publizist / Mediennetzwerker. Blogs, die ich schreibe:
Knut Kuckel - Persönliches Webportal
→ Mieming.online - Regionales Mediennetzwerk aus Mieming in Tirol.
→ Tirol.bayern - Grenzgänger und Gipfelstürmer

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