22. Juli 2018
Das "Haus beim Lüftl" der Familie Zwinck in Oberammergau gab der "Lüftlmalerei" ihren Namen. Foto: Knut Kuckel/Tirol.bayern
Das "Haus beim Lüftl" der Familie Zwinck in Oberammergau gab der "Lüftlmalerei" ihren Namen. Foto: Knut Kuckel/Tirol.bayern

Auf den Spuren berühmter Lüftlmaler in Oberammergau – Allgegenwärtig „Gottvater in Wolken“

Die „Lüftlmalerei“ gehört zu den Kulturlandschaften in Südbayern, Nord- und Süd-Tirol wie Berge, Wald und Brauchtum. „Die ersten Freskomalereien hat man schon in der Zeit der Gotik (13. Bis 15. Jhdt.) in Italien gesehen“, meint der Restaurator und Fassadenmaler Markus Kniepeiß aus Mieming in Tirol.

Gemeinsam mit ihm begeben wir uns auf Spurensuche und starten damit in Oberammergau.

„Der bedeutendste Lüftlmaler seiner Zeit und darüber hinaus war wohl Franz Seraphin Zwinck“, erklärt unser Experte vor dem berühmten „Pilatus-Haus“ in der Ludwig-Thoma-Str. 10 in Oberammergau.

Es ist geschmückt mit zahlreichen Lüftlmalereien, die 1784 von Lüftlmaler Franz Seraph Zwinck geschaffen wurden, darunter auf der Gartenfront des Hauses die Verurteilung Jesu durch Pilatus. Eben dieser Szene verdankt das Haus seinen Namen.

In weiser Voraussicht zeichnete der Künstler seine öffentlich zugänglichen Werke mit seinem Namen. Am Pilatushaus signierte der Lüftlmaler mit „Frank Zwinck, pinx 1784.“ Das schützt ihn einerseits vor ungerechtfertigten Kopien, andererseits macht es seinen Namen populär. Über den Tod hinaus.

Das Pilatushaus und vergleichbare Kunstwerke der Lüftlmalerei werden täglich x-fach abgelichtet.

Das Ortsbild von Oberammergau wäre heute ohne die Lüftlmalerei kaum vorstellbar. „Der Begriff geht mit hoher Wahrscheinlichkeit auf das Heimathaus des Fassadenmalers Franz Seraph Zwinck zurück“, so Markus Kniepeiß. „Das Haus nannte man »beim Lüftl«. Es machte ihn und seine Familie über die Ortsgrenzen hinaus berühmt.“

Verlassen wir das Pilatus-Haus mit der Haus-Nummer 5 an der Ludwig-Thoma-Straße und suchen die Kleppergasse Nr. 5 auf. Auch hier hat der kreative Maler Franz Seraphin Zwinck um das Jahr 1780 mit dem Fresko „Gottvater in Wolken“ über dem Eingangsbereich ein Meisterwerk geschaffen. Über der Haustüre spöttelt der Künstler mit der Inschrift „der eine acht’s, der andre betracht’s, der dritt verlacht’s, was macht’s“.

Besucherinnen und Besucher stehen fasziniert davor. Staunen, debattieren und schauen auf das allgegenwärtige Auge Gottes, geschmückt mit unterschiedlichsten Tiermotiven.

Wir schlagen nach bei Alfred Pohler, in seinem 1997 erschienenen Buch „Kunstwerke der Fassadenmalerei in Südbayern, Tirol und Vorarlberg“. Der Autor schreibt im Vorwort seines zeitlosen Buches, auffallend sei „die Tatsache, dass allgemein den Fensterumrahmungen und dem Schmuck der Eingangstüren ein hoher Stellenwert beigemessen wurde.“

Beliebt waren – so Pohler – Bildnisse von Schutzheiligen, biblische Szenen, Themen aus der Mythologie, Volks- und Heldensagen, bis hin zu Illusions-Schein-Architekturmalereien.

Markus Kniepeiß übersetzt das Letztere: „Heute sagen wir dazu schlicht Illusionsmalerei. Meist im 3-D-Format.“ Wie das in der Moderne ausschaut, veranschaulicht Markus auf seiner Homepage. Wer mal bei ihm vorbeisurft entdeckt, dass der Mieminger Maler diese Form der Malerei perfekt beherrscht.

Wir erfahren in diesem Zusammenhang etwas über die unterschiedlichen Maltechniken. Beispielsweise Secco-,  Silikat-, Sgrafittotechnik. Wer kennt sich da aus?

Markus Kniepeiß kennt sich aus. Und wir nutzen die Gunst der Stunde, um uns die Unterschiede hier und heute in Oberammergau erklären zu lassen.

„Bei den gebräuchlichsten Wandbemalungsverfahren ist grundsätzlich zwischen Fresko- und Seccotechniken zu unterscheiden.“

Für den Laien einfach erklärt: Bei der Freskomalerei werde auf die nasse, frische Kalkputzschicht gemalt, bei der Seccotechnik ist es umgekehrt. „Secco“ sei aus dem Italienischen abgeleitet und bedeute „ins Trockene“. „Gemalt wird auf trockenem Untergrund“, sagt Markus Kniepeiß.

Dann stehen wir in der kleinen „Tiroler Gasse“ und staunen. Einerseits über das Verbindende, dass es im Passionsdorf eine, den Tirolern gewidmete Gasse gibt, andererseits darüber, dass wir hier nah am  „Lüftlmalereck“ stehen. Zwinck verzierte den Giebel des mittelgroßen Mußldomahaus am Lüftlmalereck mit den Bildnissen des „Hl. Josef mit Jesuskind mit vier Engeln und einer Lilie“ sowie „Madonna – Zuflucht der Sünder“. Ein Motiv in der Giebel-Mitte stellt die „Übergabe der Schlüsselgewalt“ dar.

Nach einer Mittagspause im „Ammergauer Maxbräu“ (im Hotel Maximilian) – in unmittelbar Nachbarschaft der katholischen Pfarrkirche St. Peter und Paul – schauen wir nach weiteren berühmten Lüftlhäusern.

Von der Terrasse des Hotels mit Brauhaus schaut man direkt auf das Dederlhaus in der Ettaler Straße Nr. 8. und auf das Giebelfresko „Emmausjünger“. In dem Haus werden heute Postkarten und Souvenirs verkauft. In der Nachbarschaft steht das „Hänsel- und Gretel-Heim“ mit Märchenbildern. Hier dürfen Kinder ausgelassen spielen und sich auf ein Schülerleben vorbereiten lassen.

Am Dorfbrunnen, in der Ortsmitte, imponiert das Hotel „Alte Post“ mit seinem Fassadenkreuz. Einem Holzkreuz mit geschnitztem Christus auf bemaltem Fresko. Gewidmet „Maria und Johannes“.

Unbedingt sehenswert sind das Kölblhaus (Ettaler Straße 10) mit einem Gnadenbild-Fresko. Im Giebelbereich „Christus im Schoße Gottvaters“ und über der Eingangstüre „Anna Selbtritt“. Am Kölblhaus arbeitete Franz Seraphin Zwinck um das Jahr 1770.

Das Bayerische Forstamt in der Ettaler Straße wurde 1753 erbaut und ist seit 1803 Bayerischer Staatsbesitz. Die Lüftlmaler Hartmann und Zwinck teilten sich im 18. Jahrhundert den Auftrag der Fassadenmalerei. Passend zum Forstamt sind die Jagdszenen an der Westfront (die Malereien an der Westfassade sind neueren Datums und stammen von Franz Hartmann).

Auf den Spuren der Oberammergauer Lüftlmaler sollte man auch zum Schweigerhaus gehen. Das „Schulmeisterhaus“ trägt Haus-Nummer 22. Es zieren der Hl. Josef und St. Franziskus Xaverius.

Oberammergau im schönen Ammertal steht für die Tradition der Lüftlmalerei ist aber wohl mehr durch seine Passionsspiele weltweit bekannt geworden.

Die Passionsspiele gehen auf ein Pestgelübde im Jahr 1633 zurück. Damals gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre ein Schauspiel über das Leiden, Sterben und die Auferstehung Christi aufzuführen, wenn niemand mehr an der Pest sterben sollte.

2020 steht die 42. Auflage an. 2000 Laiendarsteller, Sänger und Orchestermusiker wirken mit. Zu den rund 100 Aufführungen werden wieder knapp eine halbe Million Zuschauer aus aller Welt erwartet.

Die fünfstündige Aufführung beginnt nachmittags mit dem Einzug in Jerusalem und erzählt die Passionsgeschichte über das Abendmahl bis hin zur Kreuzigung. Sie endet in den Abendstunden mit der Auferstehung. Insgesamt sind 103 Vorstellungen geplant, die Premiere ist am 16. Mai und die letzte Aufführung findet am 4. Oktober 2020 statt.

Übrigens: Nur wer in Oberammergau geboren und aufgewachsen ist oder seit mindestens 20 Jahren im Dorf wohnt, kann Teil des Passionsspiels werden.

Zum Vormerken: Premiere von „Wilhelm Tell“ im Passionstheater ist am Freitag, dem 6. Juli 2018. Das legendäre Stück von Friedrich Schiller wird bis zum 11. August aufgeführt. Regie führt Christian Stückl.

Weblinks:

Fotos: Knut Kuckel / Markus Kniepeiß

Knut Kuckel

Journalist. Meine persönlichen Blogs:
KnutKuckel.news - Eigenes Webportal
→ Tirol.bayern - Grenzgänger und Gipfelstürmer

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