19. Oktober 2018
„Dabei zu sein, ist für die Buben auf dem Fekurlum eine große Ehre“, sagt Gemeinde-Chronist Martin Schmid. Foto: Knut Kuckel/Tirol.bayern
„Dabei zu sein, ist für die Buben auf dem Fekurlum eine große Ehre“, sagt Gemeinde-Chronist Martin Schmid. Foto: Knut Kuckel/Tirol.bayern

Brauchtum in Tirol – Mieming feiert den Bauernheiligen Isidor

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wird in der Tiroler Gemeinde Mieming der Heilige Isidor gefeiert. Traditionell am 1. Sonntag im Juli. Das Engagement geht auf die Mieminger Isidor-Bruderschaft zurück.

Ingeborg Schmid-Mummert schreibt im Gemeindebuch „Mieming – Geschichten und Geschichten“ (Hg. Gemeinde Mieming, Universitätsverlag Wagner, Innsbruck):

„Laut einem im Jahr 1725 in Einsiedeln gedruckten Diplom wurde die St.-Isidor-Bruderschaft von Mieming am 21. Juni 1643 gegründet. Am 22. Mai 1722 erhält die Bruderschaft von Papst Innozenz XIII. einen vollkommenen Ablass. Das Ziel der Bruderschaft lautet: nach dem Vorbild des heiligen Isidor Gott und der Kirche zu dienen, christlich zu leben und die ewige Seligkeit zu erlangen. 1751 zählte die Bruderschaft 2000 Mitglieder. Der Isidor-Bruderschaft wurde 1777 ein päpstliches Privilegium für den Isidoraltar verliehen. 1780, in der Zeit des Josephinismus, wurde die Bruderschaft aufgehoben, doch entstand sie bald wieder.“

Die Ablässe waren sicherlich ein Grund für die Popularität der Bruderschaften jener Zeit, meint die Alpinhistorikerin Dr. Ingeborg Schmid. „Das waren kirchlich eingesetzte Vereine mit der Aufgabe, Werken der Fömmigkeit nachzugehen und Nächstenliebe zu praktizieren.“

Nicht nur Männer, sondern auch Frauen, Jugendliche und Kinder wurden in die Isidor-Bruderschaft aufgenommen. Die Bruderschaft, mit Sitz in Untermieming, umfasste Mitglieder aus der Pfarre zu Mieming mit Mötz, Obsteig, Barwies, Wildermieming und der weiteren Umgebung. 1938 wurden die letzten Mitglieder in die Isidor-Bruderschaft eingeschrieben. Seitdem ruhen die Aktivitäten der Bruderschaft. Die Isidorprozession wird bis heute gefeiert.

Musikalisch begleitet wurde die Prozession Sonntag, dem 1. Juli 2018 von der Musikkapelle Tobadill, aus dem Bezirk Landeck. Das über 1136 Meter hoch gelegene Bergdorf Tobadill liegt im Nordwesten Tirols, in der Ferienregion Arlberg – Paznaun – Ischgl. Die Gemeinde Tobadill zählt aktuell nur 520 Einwohner, kann aber zurecht stolz auf seine Musikkapelle sein.

„Es gehört zur Tradition zu Isidori, dass wir in jedem Jahr eine befreundete Musikkapelle aus Tirol bitten, Messe und Prozession musikalisch zu umrahmen“, erklärt Michael Holzeis, Obmann der Musikkapelle Mieming.

Die Musikkapelle aus Mieming ist im Anschluss an die kirchlichen Feierlichkeiten Ausrichter des Isidori-Festes auf dem Kirchplatz, gegenüber der katholischen Kirche. Die Pfarrkirche „Zu Unserer Lieben Frau Mariä Himmelfahrt“ in Untermieming wurde um das Jahr 1100 gebaut. Die Altpfarre gehörte damals – so ist das urkundlich belegt – zum Hochstift Augsburg.

Schriftlich erwähnt wurde die Pfarre Mieming in einer Urkunde vom 11. März 1311. Bischof Friedrich von Augsburg überließ damals seine Patronatsrechte den Pfarren Mieming, Sengg (im Bezirk Füssen) und dem Zisterzienserstift Stams, nahe Mieming.

Dazu sollten geschichtlich Interessierte wissen, dass den Bischöfen zu Augsburg „von alters her“ das Patronatsrecht über die Pfarre Mieming zustand, obwohl diese zum Bistum Brixen gehörte.

Die Bischöfe von Augsburg unterhielten in der Gegend um Mieming nicht wenige Besitzungen. Das war wohl damals ausschlaggebend.

Die Isidorprozession in Mieming wird von Experten als eine der schönsten europaweit bezeichnet. „Isidori“ ist der wohl wichtigste Feiertag für die noch immer ländlich geprägte katholische Pfarre im Tiroler Oberland. Die Gemeinde Mieming zählt aktuell weniger als fünftausend Einwohner. Diese stellen noch rund 40 bäuerliche Betriebe.

Die Bauern bitten den Heiligen Isidor um seinen Schutz gegen Dürre, für Regen und eine gute Ernte.

Im Mittelpunkt der jährlichen Prozession rund um die Pfarrkirche in Untermieming steht das große Ferkulum, das eine Szene aus der Legende zeigt – der Heilige betet am Feld, während zwei – von kleinen Buben dargestellte Engel – für ihn den Pflug mit zwei weißen Ochsen führen.

„Dabei zu sein, ist für die Buben auf dem Ferkulum eine große Ehre“, sagt der Mieminger Gemeinde-Chronist Martin Schmid im Gespräch mit Tirol.bayern. „Nicht zuletzt für die Väter, die das »Fargelle« tragen.“

Die Gemeindechronik verzeichnet seit Jahrzehnten die Namen der Kinder, denen diese Ehre zuteil wird.

Organisatorisch zuständig für die Engel ist Michaela Maurer, Bäuerin am „Miniger Hof“ in Untermieming und Mitglied der Pfarre Untermieming. Sie sagt, es werde Jahr für Jahr schwieriger, Buben aus bäuerlichen Familien für das Ferkulum zu gewinnen. Zitat: „Was früher a morz Grieß war, ist jetzt a große Herausforderung.“

Und nicht selten – so auch heute – fließen Tränen bei der Einkleidung. „Das Anlegen der Gewänder ist für die Kinder eine ungewohnte Herausforderung“, meint Michaela Maurer.

Vom Tiroler Dichter Adolf Pichler (1819-1900) ist dazu folgendes überliefert: „Die Engel sind Bauernknaben im Alter von vier bis fünf Jahren. Sie tragen ein Rokokogewand von rotem Samt mit Goldborten und kleinen Spiegelknöpfen. Alles funkelte und schimmerte. Auf den Diademen nickten prächtige Straußenfedern, die Flügel waren aus Pappendeckel mit Goldpapier überzogen. Unter dem Krachen der Böller setzte sich der Zug in Bewegung. Voran schritt, den Kreuzstab in der Hand, ein Engel von etwa fünfzehn Jahren, auch im roten Rokokogewand mit flatterndem blauem Seidenmantel.“ (Quelle: Gemeindebuch Mieming)

Die beiden Engel auf dem Ferkulum beim Hl. Isidor waren heuer Arthur Walch (Ur-Enkerl von „Losl`s Kasper“ aus Zein) und bereits zum 2. Mal Lukas Strigl (Hausname „Hiasl“). Voraus-Engel war Marcel Haid (Micheler).

Der Dichter Adolf Pichler beschreibt auch die Aufstellung zur Prozession. Frei überliefert: „Nach den Engeln folgt die Blechmusik, der Pfarrer – von mehreren Geistlichen begleitet – die Schulknaben; ihnen wurde ein lebensgroßer Schutzengel vorausgetragen, den Jünglingen der hl. Aloysi, als Muster der Keuschheit, den Ehemännern St. Josef. Dann kamen hinter einer Fahne aus gestricktem weißen Flor die Schulmädchen, unter ihnen eine in der Tracht der heiligen Notburga mit der Zinnflasche und dem Schlüsselbund. Dann eine Schäferin, weiß gekleidet, mit grünen Bändern. Den Jungfrauen wurde die »Unbefleckte« vorangetragen. Alle trugen weiße Schürzen. Auf dem Ferkulum [der Weiber] stand als Patronin die hl. Anna.“

Im Verlauf der Jahre hat sich das Bilder Isidorprozession in Mieming verändert. Dabei sind heute u.a. auch Feuerwehr und Schützenkompanie. Die „Jünglinge“ sind Vertreter der Jungbauernschaft und Landjugend Mieming.

Pfarrer Paulinus Okachi ging während der Messe vor der Prozession auf die Bedeutung Isidors ein. „Der Bauer Isidor lebte um 1070, arbeitete in seiner Jugend als Knecht. Betete, war fleißig und für seine Nächstenliebe bekannt. Zusammen mit seiner Frau Maria de la Cabeza unterstützte er die Hilfsbedürftigen.“

Im Jahr 1900 erhielt die Pfarre Untermieming aus Madrid eine Reliquie des Heiligen. Die Mieminger Sänger tragen während der Prozession die Reliquie des Heiligen Isidor. Den Reliquienbehälter schuf ein Schwazer Goldschmied. Er wird seit dem 25. Juni 1901 in Mieming aufbewahrt.

San Isidro wurde um 1082 geboren. Sein Leben war das eines mozarabischen Christen, eines einfachen und bescheidenen Menschen, eines Knechts, Brunnenbauers und Bauern. Er war ein Familienvater, der seinen festen Glauben mit der Arbeit und dem Dienst für die Armen und Nächsten vereinbart hat. San Isidro starb am 30. November 1172. Vierzig Jahre später, im Jahre 1212, wurde sein unverwester Körper entdeckt, der wie durch ein Wunder erhalten geblieben war. San Isidro wurde von Papst Paul V. im Jahre 1619 selig und 1622 von Papst Gregor XV. heilig gesprochen (Quelle: St. Isidor- und Notburga-Bruderschaft in München).

Isidor wurde in einer Kirche in Madrid begraben. Seine Gebeine wurden nach León übertragen und 1063 in der nun nach ihm benannten Kirche, der Basilika San Isidoro, bestattet (Quelle: Ökumenisches Heiligenlexikon, Isidor von Sevilla).

Auch in Bayern wird Isidor verehrt. Bereits seit 1426 gibt es in München die St. Isidor- und Notburga-Bruderschaft. Mit ihren ca. 100 Mitgliedern hat sie ihre Heimat in der ehrwürdigen Stadtpfarrkirche St. Peter („Alter Peter“), nahe am Marienplatz in München.

„Die regelmäßige Teilnahme an kirchlichen Ereignissen (Messen, Andachten, Prozessionen, Wallfahrten) und eine aktiv gelebte Vereinstradition mit monatlichen Bruderschaftstreffen, Vorträgen und Ausflügen haben das Überleben der Kongregation jahrhundertelang auch über Kriegswirren und Notzeiten gesichert,“ heißt es seitens der Münchener Bruderschaft.

Auch in diesem Jahr sind Wallfahrtsreisen zum Hl. Isidor nach Madrid und zur Hl. Notburga in Rattenberg und in Eben am Achensee/Tirol geplant. Dazu geladen werden auch „interessierte Gläubige aus dem Erzbistum München und Mitglieder der noch aktiven Isidori-Vereine in Bayern“.

Weitere Quellen: Mieming.online/Isidor

Fotos: Knut Kuckel/Tirol.bayern

Knut Kuckel

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