19. Oktober 2018
Teamwork ist gefragt. Auch beim Einsammeln des Totholzes zur Pflege der Lärchenwiesen. Foto: Nina Mosor
Teamwork ist gefragt. Auch beim Einsammeln des Totholzes zur Pflege der Lärchenwiesen. Foto: Nina Mosor

Bergwaldprojekt in Obernberg am Brenner – Familien im Einsatz in Tiroler Schutzgebieten

Der Alpenverein Österreich organisiert in Obernberg ein einwöchiges Bergwaldprojekt der besonderen Art statt. 33 Freiwillige – darunter auch viele Kinder – setzen sich hier für die Stabilität und Vitalität von Schutzwald, Lärchenwiesen und Zirbenflächen ein.

Tirol.bayern bedankt sich bei Nina Mosor für ihren Bericht und die Fotos.

Auch Naturpädagogik, sowie kreative Tätigkeiten und das Erleben der Natur kommen nicht zu kurz. Ein wertvoller Beitrag für die Zukunft, denn neben dem Arbeitseinsatz stellen die Kinder einen Bezug zur schützenswerten Natur her.

„Ich sehe das Projekt als Teil eines sanften und ressourcenschonenden Tourismus, der die Einzigartigkeit unserer Umgebung über viele Grenzen hinaus trägt.“ findet Josef Saxer, Bürgermeister der Gemeinde Obernberg.

12 Familien treffen sich von 29. Juli bis 4. August aus den unterschiedlichsten Beweggründen im Jugend- und Seminarhaus in Obernberg am Brenner, um im Dienste der Natur und in Gemeinschaft Gutes zu leisten, und viele tolle Erlebnisse mit der Familie und Freunden zu teilen.

„Ich bin schon zum 4. Mal hier dabei und neben dem abwechslungsreichen Programm knüpft Lena immer tolle Freundschaften. Sie freut sich das ganze Jahr über, ihre Freundin im nächsten Jahr wieder zu sehen.“ sagt Thomas, Tochter einer 10 Jahre alten Tochter. Als Elternteil ist man automatisch in einer Vorbildrolle. Indem man Freude hat Gutes zu tun, kann man dies auch den eigenen Kindern leicht vermitteln. Dies und der Bezug zur Natur sind sehr wertvolle Beiträge für unsere Zukunft.

Durch das Pflegen der Weiden im Lärchenwald können Bauern und Eigentümer unterstützt werden. Josef Saxer erkennt, dass die Tätigkeiten im Naturschutz dringend notwendig sind, obwohl sie keinen Ertrag abwerfen. „Die Wichtigkeit dieser Maßnahmen wird durch solche Projekte den Eigentümern vor Auge geführt, wenn es sogar Freiwillige gibt, die sich für die Tätigkeiten im Schutzgebiet bereit erklären.“ so der Bürgermeister weiter.

Das Landschaftschutzgebiet Nösslachjoch-Obernberger See-Tribulaune umfasst knapp 100 km² und beherbergt unter anderem das Auerhuhn, dessen Bestand in Mitteleuropa seit dem 18. Jahrhundert abnimmt. Besonders schützenswert ist es wegen seinen größten Lärchenwiesenbeständen Tirols, dem einzigartigen zentralalpinen Tannenbestand und seinen Seen und Quellmooren.

Klaus Auffinger, Betreuer des Schutzgebiets, erklärt bei der Arbeit auf den Weiden der Lärchenwälder, dass diese Kulturlandschaft schon seit mindestens 5000 Jahren erhalten ist. Das Totholzmanagement und die Fichtenminimierung sind essentiell für dessen Fortbestand. Warum weiß der 8-jährige Felix: „ Unter den dichten Fichten wächst nämlich kein Gras und unter den Lärchenbäumen schon. Also geben wir die Fichten weg und die Kühe haben mehr zu fressen und die Bauern sind glücklich.“

Nicht nur einige österreichische Familien wachsen hier zu einer Gemeinschaft zusammen. Familien aus Würzburg, Baden-Baden, Prag und sogar aus Kiew in der Ukraine reisen an, da diese Mischung von Urlaub in den Bergen und ehrenamtlichen Engagement im Naturschutz im Kreise der Familie nur hier zu finden ist.

Schön ist auch zu beobachten, wie Kinder, die im vorigen Jahr schon teilgenommen haben, ihr Wissen mit den anderen Kindern teilen. „Am besten hat mir das Pflanzen der Lärchenbäume gefallen“, erinnert sich Tamina.

Alle Kinder sind eifrig dabei beim Einsetzen von Jungbäumen, Abschneiden von Ästen und dem Einsammeln von Totholz. Wenn eine Pause fällig wird, wird sie genutzt, um gemeinsam den Wald zu entdecken. Magdalena, Volkschullehrerin und Gruppenleitern betont, dass es ihr sehr wichtig ist, dass die Kinder nur solange arbeiten, solange es ihnen auch Freude bereitet. Für die Kinder ist es genauso wertvoll und bereichernd, wenn sie gemeinsam die Natur entdecken können.“

Als besonders positiv und kompetent kommt die Betreuung von Fachkräften bei den Laien an. Insgesamt waren drei Schutzgebietsbetreuerinnen und -betreuer der Tiroler Schutzgebiete und vier Mitarbeiter des Landesforstdienstes dabei. Experten vermitteln den Teilnehmern Praxiswissen und klären sie über die Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen auf.

In dieser Woche werden 700 Bäume gesetzt, 16 Hektar Lärchenwiesen gesäubert und Zirbenbestände gepflegt. In den 70er Jahren hat man zum Lawinenschutz Zirben großflächig angepflanzt. Leider hat man sie zu nahe beieinander gesetzt. Dadurch erleiden die jungen Bäume eine infektiöse Pilzerkrankung und sie sterben ab.

Klaus Auffinger erzählt stolz: „Durch die Zirbenschutzmaßnahmen mit den TeilnehmerInnen der Bergwaldprojekte konnten wir über mehrere Jahre die Zirbenflächen überwiegend retten. In anderen Gebieten, wo die Möglichkeit Freiwillige einzusetzen nicht gegeben war, sind diese Bäume alle abgestorben.“

Seit 1985 organisiert der Alpenverein Umweltbaustellen in Österreich. Peter Kapelari, Leiter der Bergwaldprojekte des österreichischen Alpenvereins erläutert die vier Ziele, die dabei eine wichtige Rolle spielen. Das sind erstens Bewusstseinsschaffung und Sensibilisierung der TeilnehmerInnen sowie der Bevölkerung, zweitens der Arbeitseinsatz, drittens das Lernen über den Bergwald um mit Hirn, Hand und Herz etwas zu bewirken, und nicht zuletzt die Förderung des gegenseitigen Verständnisses zwischen Grundstückseigentümern, dem Alpenverein und der Bevölkerung.

Von der Problematik der Bergmähder erzählt Kathrin Herzer von den Tiroler Schutzgebieten: „Früher wurden Flächen oft brandgerodet, heutzutage werden sie meist gemäht. Doch Landwirte geben die mühsamen Mäharbeiten auf unwegsamen Flächen oft auf. Problematisch wird es dann vor allem bei Schneefall. Auf dem langen Gras bilden sich schnell Gleitschneelawinen, die den Boden zerstören und gefährlich sein können. Außerdem erhöht sich durch das Mähen die Artenvielfalt, da nicht nur konkurrenzstarke Arten überwiegen.

Thomas, Vater von drei Kindern, meint, dass er es sehr genießt gemeinsam mit seinen Kindern an einem Projekt fernab vom Alltag zusammenzuarbeiten. „Das stärkt den Zusammenhalt und schafft gemeinsame Erlebnisse.“

Ein Highlight ist der arbeitsfreie Tag in der Wochenmitte. Nach einer kleinen Wanderung genießt die Gruppe die Zeit am Obernberger See. Zum abwechslungsreichen Freizeitprogramm am Abend zählen Trommeleinheiten, Spiele, Grillen, Musizieren und viele weitere wieT-Shirts bemalen, Edelsteinsuche, Yoga und Qigong. Alle sind mit Freude dabei und engagieren sich in der Gemeinschaft für die Natur.

Die Teilnahme ist kostenlos und auch noch heuer sind Plätze bei Bergwaldprojekten frei.

Weblink: → Alpenverein.at

Fotos: Nina Mosor

Kyra Berkenhof

Journalistin, München/Berlin. "Ihr werdet sehen, #tirolbayern wird spannende Geschichten schreiben." Mail: kyra.berkenhof@tirol.bayern

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